Was waren die grössten Herausforderungen des ersten Jahres?
Die Lancierung von prio.swiss war selbstverständlich die grösste und gleichzeitig auch tollste Herausforderung des Jahres 2025. Wir brachten prio.swiss an den Start und positionierten uns als neuer Dachverband der Branche. Wir durften die Teams, Aufgaben, Verträge und vieles mehr der beiden bisherigen Dachverbände zusammenführen und sicherstellen, dass alle strategischen und operativen Arbeiten der Branche weitergeführt respektive vorangetrieben werden. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern und unseren dreissig Mitarbeitenden mussten wir aufzeigen, dass wir in der Lage sind, die Branche und die Interessen der Versicherten mit einer gemeinsamen Stimme zu vertreten. Gleichzeitig mussten wir uns gegenüber den anderen Akteuren des Gesundheitssystems positionieren und ihnen zeigen, dass wir bereit sind, gemeinsam partnerschaftliche Lösungen zu erarbeiten – stets im Interesse der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler. Ich bin überzeugt, dass es uns gelungen ist, all diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern. An dieser Stelle möchte ich meinem Team für seinen ausserordentlichen Einsatz herzlich danken. Es war ein einmaliges Jahr.
Bei welchen gesundheitspolitischen Themen konnten Sie 2025 Einfluss nehmen?
Eines der wichtigsten Dossiers, das wir aus meiner Sicht erfolgreich auf die politische Agenda bringen konnten, ist die innerkantonale Spitalplanung, in der wir grosses Potenzial sehen, aber bislang zu wenig Fortschritte erreicht wurden. Es gibt – auch dank politischem Druck aus dem nationalen Parlament und den Vernehmlassungsarbeiten von prio.swiss – Bewegung in einigen Regionen und Kantonen sowie bei der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren. Diese Entwicklungen tragen dazu bei, die Qualität zu erhöhen und gleichzeitig Kosten zu senken, indem redundante Strukturen abgebaut werden.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Akteuren im Gesundheitswesen?
Die Gründung von prio.swiss hat es ermöglicht, eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren des Gesundheitssystems aufzubauen. Dadurch konnten auch Reformen vorangetrieben werden – insbesondere im Bereich der Tarifstrukturen, wo manche Dossiers seit Jahren blockiert waren und die Tarifpartnerschaft nur harzig vorankam. Ich denke, viele Akteure im System haben erkannt, dass der Status quo nicht länger tragbar ist und echte Fortschritte notwendig sind, um der Bevölkerung zu zeigen, dass sich das Gesundheitssystem weiterentwickeln kann. Die Einführung des neuen ambulanten Arzttarifs, die Genehmigung von kurzfristigen Korrekturen durch den Bundesrat und die Einführung des neuen Apothekertarifs LOA V per 2026 sind gute Beispiele für die Fortschritte, die in den letzten Monaten zugunsten des Gesundheitswesens erzielt werden konnten. Auch konnte prio.swiss erstmals neue Qualitätsverträge mit Fachgesellschaften der Leistungserbringer abschliessen. Bislang bestand erst ein Qualitätsvertrag im Spitalbereich.
Welche strategischen Ziele verfolgt prio.swiss für 2026?
Wir setzen uns weiterhin für ein qualitativ hochwertiges und finanziell tragbares Gesundheitssystem ein, das die Interessen der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler ins Zentrum stellt. Was heisst das konkret? Wir fördern und fordern gemeinsam mit den Kantonen die Ambulantisierung und Verlagerung hin zu kostengünstigeren dezentralen Strukturen. Zum Beispiel mit unseren Arbeiten zur Einführung der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Strukturen und in den Tarifstrukturorganisationen. Wir setzen uns für einen evidenzbasierten, modernen Leistungskatalog ein und dafür, dass Beschlüsse der Politik nur im Bewusstsein der Kostenfolgen für Prämienzahlerinnen und Prämienzahler erfolgen dürfen. So konnten wir gemeinsam mit Partnern konkret 2025 erreichen, dass die Umsetzung der Pflegeinitiative von der zuständigen Kommission nochmals genauer geprüft wird. Für 2026 wird auch entscheidend sein, dass die im März 2025 beschlossene Einführung von Mengenrabatten bei Medikamenten rasch zur Umsetzung gelangt. Die Diskussion um die Standortpolitik der Pharmaindustrie darf nicht auf Kosten der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler erfolgen.
Wo sehen Sie die grössten Chancen für die Krankenversicherungsbranche?
Wir können und müssen aufzeigen, wie effizient und innovativ die Krankenversicherer arbeiten. Sie schaffen mit ihrer täglichen Arbeit einen grossen Mehrwert für die Versicherten und die Bevölkerung: innovative Versicherungsmodelle, die die Versorgung verbessern und erst noch Kosten einsparen, die Begleitung und Beratung der Versicherten entlang ihres Behandlungspfads, die effiziente und hochdigitalisierte Abwicklung der Rechnungskontrolle, die zu äusserst tiefen Verwaltungskosten führt im Vergleich zu anderen Sozialversicherungen. Das alles ist nur dank dem gesunden Wettbewerb unter den Versicherern möglich. Er bringt sie dazu, immer etwas besser und innovativer sein zu wollen als Mitbewerber.
Welche Risiken und Herausforderungen erwarten Sie mittelfristig?
Zu den wichtigsten Risiken für die Branche zählen eine zunehmende Verstaatlichung und die Bürokratisierung des Gesundheitssystems durch die Politik. Eine solche Entwicklung schwächt den Wettbewerb zwischen den Akteuren, bremst Innovationen und schränkt die Wahlfreiheit ein, die in der Bevölkerung sehr geschätzt wird. Mehr Regulierung wird nur teurer und schwerfälliger. Wir müssen daher wachsam bleiben, um unser Gesundheitssystem auch in Zukunft agil und handlungsfähig zu halten.
Saskia Schenker, vielen Dank für das Gespräch.
Doris Durrer, Fachspezialistin Unternehmenskommunikation
041 417 05 73, d.durrer@rvk.ch